November 8th 2015

Алматы

Neues Land. Neue Stadt. Willkommen in Almaty.

Bevor ich an einem späten Oktobertag am Frankfurter Flughafen die Gate für den Flug KC922 nach Almaty hinter mich liess, wurde ich einige Male gefragt:

„Warum Kasachstan? Was willst Du dort? Ist die Gegend überhaupt sicher?”

Zugegeben: Kasachstan ist sicherlich kein typisches Reiseziel für einen Westeuropäer, der es gerade fertiggebracht hat eine Woche Urlaub freizuschaufeln. Frankreich, Italien oder Spanien sind z.Bsp. von Zürich aus allesamt deutlich leichter zu erreichen, haben eine gute Infrastruktur, eine großartige Küche, warmes Wetter und sind außerhalb der Hochsaison zudem auch noch angenehm ruhig und preiswert.

„Was um Gottes Willen willst Du in diesem postsowjetischen Land? Mein Freund und ich waren letztes Jahr im Oktober in Griechenland, und es war fantastisch.“

Klar.

Ich frage mich jedoch was mit jemandem passiert der Jahr für Jahr immer wieder an die gleichen Orte pilgert. Erfahrungen formen uns. Reiseerfahrungen ebenfalls. Sie formen, auf eine einzigartige Weise, unser Weltbild. Doch was passiert mit jemandem der stets die von ihm oder von ihr bereits bekannten Orte aufsucht? Wie wahrscheinlich ist es, dass wir unsere Einzigartigkeit kultivieren, wenn wir dem Strom folgen und Jahr für Jahr immer wieder die gleichen Destinationen bereisen.

Natürlich gibt es eine soziale Komponente bei diesem wiederholten Verhalten. Man sehnt sich nach einer vertrauten Umgebung. Traditionen spielen eine Rolle. Nostalgie und diese kostbaren Kindheitserinnerungen ebenfalls.

Aber hin und wieder muss man auch dem Verlangen nachgeben, etwas völlig anderes zu entdecken. Der Neugierde folgen und sich von ihr führen lassen. Neue Bekanntschaften machen. Den Klang anderer Sprachen hören. Andere Länder und Landschaften sehen. Sich in einer neuen Umgebung verlieren. Positive Desorientierung bietet neue Eindrücke. Der Umgang mit bisher unbekannten Situationen schafft neue Perspektiven.

Im Falle von Kasachstan ist positive Desorientierung leicht zu finden. In der Schönheit der Landschaften zum Beispiel. Von den weiten Steppen zu den gelben und roten Tönen der Charyn-Schlucht oder dem Türkisblau des Almaty-Sees in den Tien Shan Bergen. Aber sie kann auch in der Wärme und Gastfreundschaft der dortigen Menschen gefunden werden.

Eine Woche in Kasachstan.

Deshalb.

Tien Shan mountain range roads
Almaty Tien Shan mountain range

Sergey, ein in Almaty geborener und aufgewachsener Kasache der kaum Englisch und noch weniger Deutsch spricht, steuert den Nissan Patrol entlang der Serpentinenstraße Richtung BAL – dem Big Almaty Lake – hinauf. Keine 48 Stunden sind vergangen seitdem ich kasachischen Boden betreten habe. Ich bin immer noch gejetlagged. Der Ausflug zur Charyn-Schlucht am Vortag und der Abstecher in Shymbulak – dem Skigebiet oberhalb von Almaty – sowie das obligatorische Erkunden des lokalen Nachtlebens ließen wenig Zeit, um etwas Schlaf zu bekommen.

Das Autoradio spuckt einige russische Volkslieder aus. Ich verstehe so gut wie kein Wort. Sergey lächelt, zeigt auf das Radio und sagt freudig; „Russische Musik!“, bevor er die Hand vom Schaltknüppel nimmt und den Daumen hochhält.

Bevor wir am See halten will Sergey mir den Blick vom Aussichtspunkt aus zeigen. Wir klettern die Straße weiter hoch, eine Kurve nach der anderen. Das Allrad-Flaggschiff des japanischen Autoherstellers windet sich durch die Kurven. À propos Japan, nach dem Ende des 2. Weltkriegs waren es japanische Kriegsgefangene, die das Wasserkraftwerk in den Bergen bauten. Einige 70 Jahre später liefert das Kraftwerk immer noch einen wesentlichen Teil der Elektrizität von Almaty.

Der Höhenmesser zeigt nun 3070 m an.

Militärischer Kontrollpunkt.

Pass“ sagt Sergey. Ich übergebe ihm das kleine Büchlein mit dem Emblem der französischen Republik auf dem Titelblatt, während er aus dem Auto aussteigt. Der diensthabende kasachische Soldat ist allein. Ich werde später feststellen, dass es mehr als einen Kontrollpunkt gibt und Militärpatrouillen die Hänge und Täler dieser Berge kontinuierlich abklappern. Die Grenze zu Kirgisistan ist um die Ecke. Trotz der starken militärischen Präsenz versuchen Schmuggler aus Afghanistan auf ihrem Weg nach Russland immer wieder die Grenze hier zu passieren.

Sergey dreht sich um und fragt mich, ob ich eine Zigarette für den Soldaten habe. Ich antworte mit einem kurzen „Prosti”  (leider nein), bevor ich auf Englisch hinzufüge: „Ich rauche nicht.“ Der junge Soldat tut mir leid. Allein in den Bergen und ich habe ihm soeben das Vergnügen einer Zigarette verwehrt.

Wir steigen wieder in den Wagen ein. Die Sicherheitsbarriere wird zur Seite geschoben. Einige Kurven später, nachdem wir das astronomische Observatorium und die kosmostantcia (Kosmostation) passiert haben – zwei Überbleibsel aus der Sowjetzeit welche trotz der Lichtverschmutzung, die durch die schnelle Entwicklung von Almaty verursacht werden, immer noch in Betrieb sind – stoppt Sergey den Nissan und schaltet den Motor aus. Die Straße endet hier.

„Nicht schlecht, was?“

Ich antworte mit einem Nicken. Die Aussicht ist atemberaubend. Wir stehen ein paar Minuten wie festgewurzelt am Straßenrand bevor ich Sergey zu verstehen gebe, dass ich zum See hinunter wandern werde und er mich unten mit dem Wagen abholen kann. Ich zeige auf einen Parkplatz nahe am Wasser und dann auf meine Uhr. „In zwei Stunden dort unten.” Sergey nickt.

Hier bin ich also und schaue auf diese „himmlischen Berge“ (vom chinesischen 天山): eine Bergkette mit einigen Siebentausendern. Ganz schön hoch. Hinter dem Tien Shan-Gebirge weiter im Osten liegt die Wüste Taklamakan. Die Sonne scheint. Der Schnee blendet. Ich bin von einem weißen Spiegel umgeben. Am Wasser erreicht lege ich mich kurz hin und schlafe ein.

Das Klingeln meines Handys zieht mich etwas später aus meinem Schlummer.

Sergey ist dran. Go?“

„Ja“ antworte ich. „Go.

Zurück nach Almaty.

Tiens Shan mountain range military checkpoint
Tien Shan mountain range
Big Almaty Lake Tien Shan Almaty
BAL Big Almaty Lake
Big Almaty Lake
CH6A7749
Panfilov park entrance gate

Obwohl die frühere Hauptstadt des Landes mein Hauptstützpunkt während dieser einen Woche in Kasachstan ist, kann ich nur recht wenig Zeit in Almaty verbringen. Die englische Schriftstellerin Lisa St Aubin de Terán kommt mir in den Sinn.

Reisen ist wie ein Flirt mit dem Leben. Es ist, als ob man sagen würde: „Ich möchte bleiben und dich lieben, aber ich muss gehen, hier steige ich aus.“ 

Ich sitze in einem Taxi auf meinem Weg zum Panfilov-Park. Der Fahrer spricht Englisch: „Sind Sie Amerikaner?“

„Nein. Franzose. Deutscher. 50/50“, und ich frage zurück: „Was ist mit Ihnen? Geboren und aufgewachsen in Almaty?“

„Ja, aber ich habe viele Jahre in Odessa gelebt. Ich vermisse das Meer.“

Gemäß GPS auf meinem Handy werden wir weitere 10 Minuten brauchen bis wir es bis zum Panfilov-Park geschafft haben. Es ist Dienstag, und die morgendliche Rush Hour ist noch nicht vorbei. Ich frage ihn:

„Was haben Sie in Odessa gemacht?“

„Ich war Kampfflieger“, antwortet er mit seinem russischen Akzent.

Ich schaue ihn an. „Sie waren Kampfflieger? Auf einer MIG?“

„Da“, antwortet er, bevor er hinzufügt: „MIG-29.“

Ich spüre nicht den leisesten Anflug von Stolz in seiner Stimme und zeige mich beeindruckt. Ein Taxifahrer, der vor nicht allzu langer Zeit Pilot auf einer MIG war und MACH-2-Geschwindigkeiten erfahren hat. Dieses Taxi zu fahren muss sich wie Zeitlupe anfühlen. Wir verbringen die nächsten Minuten damit einige politische Themen anzusprechen und er zieht einige Anekdoten aus seiner Kindheit hervor. Anekdoten über das Leben in Almaty zu Zeiten der Sowjetunion.

Zwei oder drei „spasibas“ später (ich mag es, wie „spasiba“ klingt, aber ich muss mich immer wieder daran erinnern, das russische Wort für “Danke” nicht zu oft zu gebrauchen), betrete ich den Panfilov-Park und stehe plötzlich vor einem imposanten Kriegsdenkmal: die 28 Panfilov-Gardesoldaten. Das Denkmal ist in hervorragendem Zustand. Eine Fackel brennt, Symbol der ewigen Flamme, und frische rote Rosen sind vor dem schwarzen Monument niedergelegt worden.

Nach einer kurzen Halt begebe ich mich Richtung Himmelfahrtskathedrale, einem grandiosen russisch-orthodoxen Gebäude. Kein einziger Nagel wurde benutzt, um dieses Juwel zu erbauen, welches bei dem Erdbeben in Kebin 1911 nur minimal beschädigt wurde.

Ein “Wunder”, so sagt man.

Panfilov heroes memorial
The imposing war memorial Panfilov Park
War memorial Panfilov park
Zenkov cathedrals wood Kazakhstan Almaty
Zenkov cathedral Kazakhstan
Cathedral Zenkov Almaty Kazakhstan
Almaty Zenkov Cathedral
Zenkov Cathedral interior
Almaty Zenkov Cathedral Kz
Zenkov-Cathedral-Broom-Lady
Zenkov Cathedral Almaty decoration
Zenkov Cathedral decorations interior

Ich verlasse die Kathedrale, nachdem ich eine halbe Stunde darin verbracht habe. Ich mag diesen Ort. Die Art, wie das Licht durch die Glasmalereien filtriert, der Geruch von Weihrauch, Öl und Kerzen: all das erinnert mich stark an diese gefürchteten Sonntagvormittage, die ich in der kleinen Kirche von St. Lambert des Bois als Teenager verbringen musste. Ich lächle jetzt darüber.

Almaty ist eine sehr westliche Einführung in das moderne Kazakhstan. Eine kosmopolitische Stadt, Schmelztiegel von Kulturen. Man trifft hier nicht nur Kazakhen sondern zum Beispiel auch Russen, Ukrainer, Tataren, Uiguren, Chinesen und Koreaner. Aber auch Europäer und Amerikaner sind inzwischen keine Seltenheit mehr.

Der Altersdurchschnitt der 17 Millionen starken Landesbevölkerung liegt unter 30 Jahren, und Almaty scheint hierbei keine große Ausnahme zu sein. Das pulsierende Nachtleben schreibe ich seiner jungen Bevölkerung zu und trotz dreier Devaluierungen im gleichen Jahr zeigen sich viele Kazakhen erstaunlich optimistisch was die Zukunft angeht. Inspirierend.

Gastfreundschaft hat einen hohen Stellenwert in Kasachstan. Das fällt mir immer wieder auf. Man zeigt sich mir gegenüber stets freundlich und hilfsbereit, beinahe bemüht. Von nicht-offiziellen (in Almaty völlig normal) Taxifahrern, die einem im Auto französische Musik laufen lassen nachdem sie sich nach meiner Nationalität erkundigt haben, zu Laden- und Restaurantbesitzern, Hotelpersonal; kleine Aufmerksamkeiten hier und da gehen nicht ungesehen an mir vorbei.

Ich verliere mich in den Gassen des grünen Basars, nur einen Block vom Panfilov-Park entfernt. Kleidung, Fleisch, Früchte und verschiedene Gewürze werden hier ausgestellt. Nachdem ich durch unzählige Shopping-Malls gelaufen bin, die in nichts den westlichen Exemplaren nachstehen, ist dieser traditionelle Markt meine erste richtige zentralasiatische Erfahrung.

Ich schaue auf meine Uhr. Zeit, die Reisetasche aus dem Appartement in der Nähe der Dostyk-Avenue abholen zu gehen und mich in Richtung Flughafen aufzumachen. Taraz, Zentrum der Region Jambul, ist das nächste Ziel.

Weniger als eine Stunde später, nachdem ich durch das Check-in von SCAT-Airlines – eine Firma mit etwas zweifelhaftem Ruf – marschiert bin und die Security passiert habe, bin ich wieder dort wo ich vor 72 Stunden ankam.

72 Stunden.

Immer wieder erstaunlich wieviele Eindrücke man in 72 Stunden quetschen kann.

Danke Almaty.

Spasiba.

À bientôt.

Aufnahmen von Almaty bei Nacht von Pavel Ilyukhin.

Bildrechte über 123RF erworben.

Bildmaterial mit einer Canon 5D Mark III und den Objektiven Canon 50mm 1.2 und Canon 16-35mm 4.0 erstellt.

Aufnahmen von Almaty bei Nacht von Pavel Ilyukhin.

Bildrecht über 123RF erworben.

Dieser Artikel ist auch in den Sprachen Französisch und Englisch erhältlich.

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