The Franco German
April 19th 2017

Bewegen und Einschränken

“… die Phantasie wird durch Zwänge ausgelöst. Du verlässt die Schachtel, indem Du in Fesseln trittst.”
– Jonah Lehrer, Imagine: How creativity Works (Wie Kreativität funktioniert)

Während der TGV Lyria von Paris nach Lausanne durch die französische Kampagne rauscht und sich hinter dem Fenster das Grüne der Wälder mit den gelblichen Tönen der Rapsfelder vermischt, untermalt von den Klängen der Passagierdiskussionen auf Französisch, Schweizerdeutsch und Englisch, lasse ich in Gedanken die vergangenen zwölf Wochen des MBA-Programms am IMD Revue passieren.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten habe ich den Rhythmus des Programms verinnerlicht. Die Aneinanderreihung langer Arbeitsnächte, vier Stunden Schlaf, hin und wieder durcharbeiten, die kontinuierlich zunehmende Arbeitslast, der Druck innerhalb nur weniger Tage Resultate zu erzielen – man gewöhnt sich schnell daran und vieles kommt einem aufgrund der früheren Arbeitstätigkeiten auch oft schon sehr bekannt vor. In Bezug darauf, wie ich mich den Herausforderungen der letzten drei Monate gestellt habe, bleibt meine persönliche Einschätzung jedoch mit leicht gemischten Gefühlen behaftet.

Die Entscheidung, den Großteil meiner Zeit und Energie in Gruppenarbeiten und auf Kosten der Vorbereitungen für die Einzelprüfungen zu investieren, hätte für mich recht kostspielige, notentechnische Konsequenzen haben können. Es war allerdings auch niemals mein Ziel gewesen, hierher zu kommen um individuellen Wissenserwerb durch Einzelarbeiten und Lektüren zu betreiben; schliesslich gibt es zahlreiche Möglichkeiten dies zu deutlich geringen Kosten zu tun als innerhalb eines MBA-Programms.

Ich habe mich oft Aufgaben zugewendet, die meinen Interessen entsprachen, und verpasste damit wertvolle Möglichkeiten, mich über bisherige Grenzen hinauszuwagen. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass Stärken nicht zwangsläufig verloren gehen nur weil sie für ein paar Wochen oder gar Monate etwas in den Hintergrund gerückt werden.

Als jemand, der normalerweise viel Platz benötigt um sich zu entfalten und zudem auch einen regelmässigen Tapetenwechsel gewohnt ist, fand ich es immer wieder schwierig mich auf den Campus des IMD begrenzen zu müssen. Die traumhafte Lage direkt am Genfer See und der Blick auf die Berge erlaubten es zwar weit in die Ferne zu schauen, doch die Routine bestimmter Teile des Programms wirkte teilweise recht einschränkend. Nach anfänglichem Widerstand und genau wie bei meinen früheren Studien kam ich zu dem Schluss, dass die Gefangenschaft und Unbeweglichkeit des Körpers manchmal notwendig ist, damit der Geist entfesselt wird.

„Woran denken Sie? fragte der Abbé lächelnd. Er hielt Dantes’ Versunkenheit für eine auf den höchsten Grad gesteigerte Bewunderung.

Ich denke vor allem an die ungeheure Summe von Verstand, die Sie aufwenden mußten, um zu einem solchen Ziele zu gelangen. Was hätten Sie erst getan, wenn Sie frei gewesen wären!

Vielleicht nichts, diese Überfülle meines Gehirns wäre in Kleinlichkeiten verpufft. Es bedarf des Unglücks, um gewisse geheimnisvolle, im menschlichen Verstande verborgene Minen zu graben; es bedarf des Druckes, um das Pulver zum Ausbruch zu bringen. Die Gefangenschaft hat alle meine dahin und dorthin flatternden Geisteskräfte in einem einzigen Punkte vereinigt.“ – Alexandre Dumas, Der Graf von Monte Cristo

Der bevorstehende Übergang von einem rein klassenbasierten, akademischen Umfeld zu einem viel Breiteren, in welchem einige der Probleme moderner Unternehmen angepackt werden, treibt an, das meiste aus dieser ersten Hälfte des Programms herauszuholen. Einige von uns denken daran, sich ans Venture Capital in Japan heranzumachen, andere wollen den Gesundheitssektor in der Schweiz erkunden, andere wiederum erwähnen Hyperloop One in Dubai; die Vielzahl an Möglichkeiten ist überwältigend.

Ich persönlich finde mich hin und hergerissen zwischen der Möglichkeit etwas zu unternehmen, das mir als einmaliges Erlebnis bleiben wird (Beispiel NGOs in Emerging Economies), oder einen strategischeren Weg zu gehen und eine Branche auszuwählen, von der ich mir vorstellen könnte sie in meiner Post-MBA Zeit anzusteuern.

Die Debatte tobt noch immer in mir, angetrieben – einerseits – vom Wunsch nach sozialer Konformität und einer risikoscheuen Herangehensweise; andererseits kann ich den entgegengesetzten Wunsch nicht leugnen, sämtliche externe Faktoren zu ignorieren und die Hoffnung, dass das Feuer in mir irgendwann stärker brennt als das um mich herum, weiter anzufachen.