September 1st 2017

Japan: Zwischen Tradition und Innovation

継続は力なり
Keizoku wa chikara nari.
(Macht durch Kontinuität.)

The Franco German

Das MBA-Programm am IMD enthält eine Parenthese am Ende des Sommers: die sogenannte Discovery Expedition. Dabei werden Aufenthalte in einem entwickelndenund einem entwickelten Land kombiniert. Im Falle meiner Gruppe: China und Japan.

Nach der Landung in Osaka reist unsere Gruppe nach Kyoto, wo Tomo Noda, Gründer des Institute for Strategic Leadership und aktives Mitglied der Keiza Doyukai (Japans Verband für Unternehmensführer, u.a. für die Belebung der Wirtschaft in verschiedenen Regionen des Landes zuständig) uns lokalen Unternehmern vorstellt. Darüber hinaus wurden Besuche in historische Geschäfte und Kulturstätte organisiert.

Der knappe Zeitplan für einen Aufenthalt von nur 2 ½ Tagen in Kyoto wurde von Miko Ozawa fachkundig und mit einer beeindruckenden Perfektion gemanagt.

Miko verkörpert in vielerlei Hinsicht diese typisch japanischen Werte, die einem überall und jederzeit auffallen. Sogar in der scheinbaren Banalität des Alltags, wenn ein Ladenbesitzer einem auf raffinierte Art und Weise das Retour-Geldreicht, vermag man es nicht ein Lächeln der Bewunderung zurückzuhalten.

Fukujuen Tea Company presentation

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war es sehr beeindruckend zu sehen, wie jahrhunderte alte Unternehmen, darunter die 1790 gegründete Teefirma Fukujuen und die 1688 gegründete Textilfirma Hosoo, sich kontinuierlich an die sich ändernden Zeiten anpassen konnten und dabei stets ihren Ursprüngen treu blieben.

Im Falle von Hosoo ermöglichte diese ständige Balance zwischen Innovation und Tradition dem Unternehmen, sich vom ursprünglichen Fokus auf die Herstellung von qualitativ hochwertigen Kleidungsstücken für Kimonos, welche von den Adligen des Hofes in Kyoto und den Mitgliedern der Samurai-Klasse getragen wurden, auf die Herstellung von Stoffen für die Interieurs der Modehäuser Chanel, Dior, Louis Vuitton, Bulgari und weiteren zu konzentrieren.

Hosoo reagierte somit auf die sinkende Nachfrage nach traditioneller Kleidung, indem es neue Absatzmöglichkeiten erkundete.

In unseren Gesprächen mit Masao Hosoo, Präsident von Hosoo und neunte Generation am Kopfe des Unternehmens, wurde die zentrale Bedeutung der Kontinuität und die Verpflichtung Wissen und Handwerk (wie die traditionellen Produktionsmethoden der dreidimensionalen Webtechnik oder der Kunstfärberei von Nishijin) zu bewahren, stets hervorgehoben.

Sämtliche Geschäftsinhaber und Führungspersonen, denen wir in Kyoto begegneten, glaubten aufrichtig, dass ihre Mission in erster Linie die Bewahrung der alten traditionellen Künste und Werte war. Finanzielle Aspekte wurden nur am Rande erwähnt. Unternehmer verstehen sich hier als Hüter der kollektiven Kultur und Identität und betrachten es als ihre Verantwortung den Anschluss mit der Moderne nicht zu verpassen. Tradition und Innovation.

Interessanterweise durchdringt dieses Denken zahlreiche Schichten der Kyoto-Gesellschaft. Es recht ein Spaziergang durch den Bambuswald von Arashiyama im Westen der Stadt, wo einem immer wieder Frauen in traditionelle Gewänder, moderne Smartphones haltend, begegnen.

Trotz der hohen Investitionen in Innovation und auch wenn das Land nach wie vor durchaus nach vorne zu schauen und die Zukunft mitzugestalten weiss, so bleibt Japan ein Land, das zahlreiche schwierige Herausforderungen zu bewältigen hat: extreme demographische Veränderungen wirken sich auf das gesamte gesellschaftliche Umfeld aus, die Deflationskrankheit hinterlässt noch immer Spuren, die Staatsverschuldung lag im Jahre 2016 bei über 250 Prozent des Bruttoinlandproduktes und Japans Verteidigungshaushalt ist seit Jahrzehnten unterfinanziert. Das Land muss sich weitgehend auf die USA verlassen um der wachsenden militärischen Stärke Chinas die Stirn bieten zu können.

Wie kann Japan ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum kreieren? Oder könnte sich diese Religion des Wachstums, welche trotz des erwarteten Bevölkerungsrückgangs der japanischen Bevölkerung größtenteils von Ökonomen, der Industrie und der Regierung gefördert wird, als irrsinnig erweisen?

Was wäre, wenn Japan mit seiner entwickelten Gesellschaft und der alternden Bevölkerung nun doch ein anderes Modell bräuchte?

Und obwohl diese Fragen unbeantwortet bleiben und man eine gewisse Sorge um die Zukunft der «verlorenen Generation» verspürt, so musste ich auch feststellen, dass trotz all der Veränderungen und Herausforderungen, ein Morgenspaziergang durch die unzähligen Tore des Fushimi Inari-Schreins einem in der Tat das beruhigende Gefühl zeitloser Werte vermittelt.

Kyoto Fushimi Inari Shrine

Bildmaterial mit Canon 5D Mark III und Canon 50mm 1.2 / Canon 16-35mm 4.0 erstellt.

  Dieser Artikel ist ebenfalls auf Französisch und Englisch verfügbar.