February 22nd 2019

Nimmernacht Stadt

Nach einem Volksspruch schläft Schanghai nicht nur nie, sondern ist auch das kulturelle Meer in welches sämtliche Flüsse münden.

Städte und das Leben, welches sich in ihnen entfaltet, sind das Produkt menschlichen Denkens. Ob durch Absicht oder durch eine Vielzahl unbeabsichtigter Konsequenzen, in Städten ist all das, was uns umgibt, das Ergebnis menschlichen Handelns.

Obwohl sie von gesellschaftlichen Defiziten beeinträchtigt wurden, durch kulturelle Veränderungen und Ideale von Generation zu Generation komplexere Züge annahmen, so bleiben die städtischen Zentren, in denen wir leben, greifbare Manifestationen unserer kollektiven und individuellen Vorstellungskraft.

Manche Städte entwickeln sich deutlich schneller als andere: Schanghai ist eine davon.

Angetrieben durch Chinas rasant wachsende Wirtschaft und der massiven Landflucht verzeichnete diese “Nimmernacht Stadt” zwischen 2000 und 2017 einen Bevölkerungszuwachs von 50% im gesamten Verwaltungsgebiet: von 16,4 Millionen Einwohnern im Jahr 2000 auf 24,2 Millionen im Jahr 2017. Laut Forschern und Regierungsvertretern soll die Metropole bis 2050 über 50 Millionen Einwohner zählen.

Der Aufstieg Schanghais in eine wahrhaft globalisierte Stadt begann vor etwa 200 Jahren, als der Zufluss chinesischer Flüchtlinge, welche vor allem die von der Small Sword Society angezettelten Unruhen in den 1850er Jahren hinter sich lassen wollten, einen starken Bevölkerungszuwachs innerhalb der fremden Siedlungen herbeiführte. Mit der Zeit vermischten sich in diesen Vierteln die Kulturen. Menschen aus Ost und West trafen aufeinander. Die Schanghaier verwandelten sich immer mehr in das, was die einflussreiche chinesische Schriftstellerin Eileen Chang in den späten 1940er Jahren folgendermassen charakterisierte:

„Kluge und raffinierte Leute, gut in der Schmeichelei und Schikane, aber ohne Hang zur Übertreibung. Die Menschen in Schanghai werden vom traditionellen chinesischen Volk unter dem Druck des modernen Lebens destilliert. Sie sind das Produkt einer verformten Mischung aus alter und neuer Kultur. Das Ergebnis ist vielleicht nicht gesund, aber es enthält eine kuriose Weisheit. “

– Eileen Chang, The Joy of Apartment Living – Gongyu shenghuo jiqu

Jedes Mal wenn ich nach Schanghai zurückkehre, fesselt mich die Energie und Kreativität der Stadt. Seit meinem ersten Aufenthalt als Student im Sommer 2012 hat sich nichts geändert: Das heutige Schanghai ist – mehr denn je – ein Ort, der sich dem konventionellen Denken zu widersetzen scheint, getrieben durch ein Wirtschaftswachstum von rund sieben Prozent in den letzten Jahren.

Wir verbrachten einen Tag am Bund im glänzenden neuen Hauptsitz von Fosun Property, wo uns Herr Wang, Exekutivdirektor von Fosun Property, und Herr Yong, Präsident des IMD Alumni Club Schanghai und CEO von Chinas größtem Private-Equity-Wachstumsfonds, empfingen. Wir sprachen die Herausforderungen der Due Diligence in China an, befassten uns mit Themen der Technologie-, Medien- und Telekommunikationsbranche (kurz TMT) als auch mit den Schwierigkeiten denen hiesige NGOs gegenüberstehen.

Es folgte ein Tag mit Besuchen und Begegnungen im PwC Shanghai Innovation Center, wo wir von hochrangigen Führungskräften begrüßt und offen Fragen zur Pressefreiheit und allgemeinen Trends in der chinesischen Wirtschaft stellten.

Unsere Begegnungen mit Grace Lin Xu, der energischen Frau an der Spitze von Viva Nutrition und eine chinesische Internet-Sensation in allen Fragen zur ganzheitlichen Gesundheit, sowie Emma Wang, Partnerin bei Noah Wealth Management, stachen hervor; die beiden Damen beeindruckten durch Charisma, Charme und Energie.

Als ich im Bus Richtung Flughafen beginne, meine Ideen für diesen Post auszuarbeiten, frage ich mich wie sehr sich die Geschwindigkeit, mit der sich Schanghai entwickelt, noch weiter steigern lässt. Die Stadt scheint unwiderstehlich voran zu reiten; als wolle sie die Zukunft erobern. Es sei denn, die nächste Generation von Träumern, welche die Ideen für eine greifbare Transformation der Stadt befeuern werden, beschließt das Tempo zu drosseln.

Vielleicht irgendwo um 2050. Das Ende der Reise ist nämlich vorerst nicht in Sicht.

Schanghai setzt weiterhin seine Fantasie in eine sehr greifbare Realität um.

Alle Bilder wurden mit einer Canon 5D Mark III mit Canon 50mm 1.2 und Canon 16-35mm 4.0 sowie einer Nikon D3200 mit einem einfachen Nikkor 3.5-5.6 18-105mm erstellt.

Dieser Beitrag ist auf Französisch und English verfügbar.