July 31st 2015

Rote Segel

Eindrücke einer Fahrt an Bord der Duk Ling, eine der drei letzten Dschunken Hong Kongs.

The Franco German

Ein Freund fragte mich vor kurzem ob während meiner Zeit in Hong Kong ein Erlebnis unter den dort gesammelten Eindrücken besonders hervorstechen würde.

„Lass mich kurz überlegen.“

Ich hielt inne und dachte einen Augenblick lang nach. Die Seiten des Katalogs an Erinnerungen aus der Hafenstadt am südchinesischen Meer wischten an meinem inneren Auge vorbei und in der Tat, etwas stach hervor: die Fahrt auf einer traditionellen Sampan-Dschunke im Victoria Harbour. Die tief stehende Sonne tauchte die Bucht in warme gelb-rote Farbtöne während man unter den roten Segeln den Beginn der Lichterspiele an den Ufern der Kowloon Peninsula und der Hong Kong Island beobachten konnte.

Ich war der einzige Gast an Bord. Mit mir die fünfköpfige kantonesisch sprechende Mannschaft des Schiffes. Drei Crewmitglieder hatten bereits Ende der 1970er Jahre auf dem Schiff als Fischer angefangen. Man erklärte mir, mit allerlei Fotos und ein paar Worten in Englisch, dass die Dschunke Anfang der 1950er Jahre in Macau gebaut wurde und über die Jahrzehnte als Fischerboot diente. Während eines Taifuns im September 2014 sank aber die Duk-Ling auf den Grund des Aberdeen Typhoon Shelters und nach mehreren Wochen entschlossen sich die Yachthändler Yu Lik-Hand und Cheng Ching-Wah die letzte authentische Segeldschunke Hong Kongs aus den Tiefen zu holen und ihr neues Leben einzuflößen. Ein langer und kostspieliger Renovationsprozess begann. Das Schiff konnte schließlich Mitte Juni 2015 wieder Touren anbieten und offenbar war ich nur einer der wenigen die dies mitbekommen hatten.

Während die Dschunke durch die Gewässer des Victoria Harbour glitt, auf dieser Oase der Ruhe zwischen dem geschäftigen Treiben der beiden Ufer, wurde mir klar wieso mein Vater, ganze 30 Jahre nach seinem Besuch der Hafenstadt, immer noch von den Fahrten auf den Ferry-booten, welche die Stadtteile Central und Tsim Sha Tsui miteinander verbinden, schwärmte.

Wenn man vom Meer aus auf eine Stadt wie Hong Kong, mit den vielen Wolkenkratzern, den Lichtern, dem Rummel an Menschen, zufährt, dann ist das wie das erste Kapitel eines neuen Buches: man freut sich auf bevorstehende Abenteuer. Ich bin selber mehrmals mit der Fähre gefahren und in diesen acht Minuten die es braucht um von der einen Seite der Bucht auf die andere zu gelangen, fiel mir immer wieder auf, dass es die älteren Passagiere waren, die am meisten erfreut zu sein schienen. Vielleicht war es der Gedanke eines bevorstehenden Abenteuers, welcher ihre Herzen verjüngte während Ihnen der Wind ins Gesicht fegte.

Ich antwortete:

„Nimm Dir die Zeit und buche bei deinem kommenden Aufenthalt in Hong Kong eine Fahrt an Bord der Duk Ling. Falls möglich, schaue zu dass Du am späten Nachmittag, vor Einbruch der Dunkelheit, auf dem Schiff bist. Da ist das Licht am besten. Und wenn Du dann auf diesem alten Holzschiff leise an den glitzernden Glastürmen Tsim Sha Tsuis und Centrals vorbeifährst, dann wirst Du lächeln müssen.“

Und eine Woche später tat er genau das.

Ein grosses Dankeschön an die Crew der Duk Ling für die Reise in Hong Kongs Vergangenheit.

Bildmaterial mit einer Canon 5D Mark III und den Objektiven Canon 50mm 1.4, Canon 85mm 1.8 und Canon 16-35mm 4.0 erstellt.

Dieser Artikel ist ebenfalls in den Sprachen Französisch und Englisch erhältlich. 

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