November 12th 2015

Ruinen von Akyrtas

Spuren der Seidenstraße und russische Eleganz inmitten der Eurasischen Steppe.

Die Region Zhambyl, im Süden von Kasachstan, liegt zwischen den weiten Steppenebenen und den Bergen der Tian Shan-Kette. Der Tag neigt sich dem Ende zu während ich aus dem Fenster des Bombardier CRJ200 schaue. Wir nähern uns der Stadt Taraz, Hauptstadt der Region, unweit der Grenze zu Kirgisistan und Usbekistan.
“Voulez-vous un autre bonbon?”, fragt mich die Stewardess in einem erstaunlich sauberen Französisch und zeigt dabei auf den Korb mit den bekannten Apfelbonbons aus Almaty.
„Avec plaisir.“

Der Rest der Passagiere an Bord der Maschine – rund 20 Personen vielleicht – scheint ausschließlich aus Einheimischen zu bestehen. Es wird viel gependelt zwischen Taraz und Almaty. Meine westeuropäischen Gesichtszüge fallen etwas auf. Die Stewardess fragt mich nach dem Grund meiner Reise. „Urlaub“ antworte ich daraufhin mit einem Lächeln.

„Urlaub in Kasachstan? Das hört man nicht oft. Vor allem nicht von Westeuropäern.“

„Das liegt wohl daran dass die meisten Westeuropäer sehr wenig über Kasachstan wissen.“

Wir sind jetzt im Landeanflug.

Taraz war zu Zeiten der Seidenstraße eine blühende Handelsstadt. Ein Ort, an dem Kaufleute aus nah und fern zusammenkamen um Waren zu tauschen, bevor es dann weiter Richtung Westen oder Osten ging.

Archäologen und Historiker aus aller Welt kommen inzwischen hierher um die Spuren der Vergangenheit zu studieren und die noch zahlreichen Geheimnisse der Stadt zu lüften. Taraz ist über 2000 Jahre alt und fand in zahlreichen chinesischen und arabischen Schriften des frühen Mittelalters, kurz nach dem Fall des Römischen Reiches, besondere Erwähnung.

Mit den jüngsten Ausgrabungen – insbesondere im Zentrum der Altstadt wo einst der Marktplatz war – wird ein Teil der Vergangenheit wieder entdeckt.

Diana holt mich am sicherlich kleinsten Flughafen, den ich bis jetzt sehen konnte, ab: ein kleines Häuschen neben der Start- und Landebahn. Keine „Gates“, keine Fließbänder für das Gepäck, keinen Shuttle. Nur dieses eine kleine Haus. Die Hauptstadt Zhambyls ist gerade damit beschäftigt ihre Infrastruktur zu modernisieren und der neue Flughafen soll im Juni 2016 in Betrieb gesetzt werden. Aber das dauert noch und meine Ankunft in Taraz fühlt sich an wie eine Reise in die sowjetische Vergangenheit.

Die Fahrt vom Flughafen bis ins Stadtzentrum ist kurz. Am Hotel angekommen steige ich aus und höre zum ersten Mal Menschen die sich untereinander mit den Worten „Salam aleikum“ grüßen. Der Islam ist die am weitesten verbreitete Religion in Kasachstan. Die ethnischen Beziehungen des Landes sind komplex.

Zu Zeiten der UdSSR trieb Moskau – zur gegenseitigen Bindung der verschiedenen Völkergruppen – die Russifizierung der sozialistischen Sowjetrepubliken voran und etablierte Russisch als Hauptsprache für mehr als 60 Jahre. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 und der Unabhängigkeit Kasachstans kam eine Wende in der Sprachenpolitik. Kasachisch – und nicht mehr Russisch – sollte von nun an die Hauptsprache sein. Der gesamte Administrationsapparat, die öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Universitäten, aber auch viele andere Bereiche der Gesellschaft stiegen auf die kasachische Sprache um. Aufgrund der starken Russifizierung des Landes schreitet die Umstellung jedoch nur langsam voran und wird noch einiges an Zeit brauchen. Ein solcher Wechsel braucht mindestens eine Generation.

Diana ist eine in Taraz geborene und aufgewachsene Russin. Sie kennt ihre Stadt in und auswendig. Es gibt jedoch einen Ort, etwa 40 Kilometer außerhalb von Taraz, den sie noch nie gesehen hat:

die Ruinen von Akyrtas.

Taraz Zhambyl Kazakhstan
Tien Shan Akirtas Zhambyl Kz
Kz Zhambyl Akirtas

Akyrtas ist eine der acht kasachischen Stätte aus der Zeit der Seidenstraße die auf der Liste des UNESCO-Welterbe erwähnt wird. Ein Ort an dem die Überreste großer Sandsteinblöcke, manche schwerer als die der ägyptischen Pyramiden, aus einer Steppenlandschaft ragen. Die Ausgrabungen bringen, Stück für Stück, immer wieder neue Teile des unvollendeten buddhistischen oder Nestorianer-Kloster – Gewissheit bzgl. der Ursprünge gibt es noch keine – ans Licht. Die Archäologen sind sich nach wie vor uneinig und rätseln noch immer. Klar ist allerdings, dass ein hohes Maß an Ingenieurskunst erforderlich war um diese massiven Steine zu transportieren. Und mit einer Fläche von etwa vier Hektar erreichte dieses Kloster gigantische Dimensionen. Grösser als die Fläche der Cheops-Pyramide. Nicht bekannte Architekten und Ingenieure erstellten hier eine Struktur mit über hundert Räumlichkeiten, welche miteinander durch Passagen unterschiedlicher Größen verbunden waren. Auch die Reste der Außenwände mit einer Breite von bis zu fünf Metern zeugen von der ehemaligen Größe des Baus.

Doch wie kamen diese großen Sandsteinblöcke hierher? Wieso wurde genau dieser Ort, weit weg von Wasserquellen, ausgewählt? Wer hat dieses gigantische Unterfangen finanziert?

Fragen ohne Antworten.

Akyrtas bleibt ein Mysterium.

Wo einst Karawanen passierten ist heute nur noch das Rauschen des Windes zu hören.
Ich bin irgendwo in der Steppe, in einem Land, dessen Sprachen ich nicht verstehe und wo verschiedene Ethnien und Kulturen sich jahrhundertelang gegenseitig beeinflusst haben. Vor mir erhebt sich das Tian Shan-Gebirge mit seinen schneebedeckten Gipfeln. Absolute menschenleere. Eine tolle Landschaft.

Das ist Kasachstan.

Akirtas Taraz Diana
Akirtas mysterious stones Zhambyl
Mysterious Akirtas Zhambyl
Magic Stones Akirtas
Akirtas Zhambyl Kazakhstan Taraz
Tien Shan Taraz Zhambyl Kazakhstan

Bildmaterial mit einer Canon 5D Mark III und den Objektiven Canon 50mm 1.2 und Canon 16-35mm 4.0 erstellt.

Dieser Artikel ist auch in den Sprachen Französisch und Englisch erhältlich.