April 2nd 2015

Umgang mit Ungewissheit

“Reife, entdeckt man, hat alles mit der Akzeptanz der Unwissenheit zu tun.“
– Mark Z. Danielewski, Das Haus

Das Osterwochenende steht wieder an. In meinem Fall heißt das vier Tage weit weg von Arbeit, Meeting-Räumen, Finanzmärkten und den damit verbundenen Computern. Etwa 650 km westlich von Zürich. Paris. La France.

Während der Fahrt zurück in die französische Hauptstadt fällt mir eine Unterhaltung mit zwei jungen Schweizern ein. Wir saßen uns im Zug von Zürich nach Mailand gegenüber und sprachen über Karrierewege, die Angst vor Veränderungen und wieso die jungen Schweizer es oft als riskant empfinden ein Berufsleben außerhalb der helvetischen Grenzen zu führen. Mein Bruder steuert den Wagen durch die regnerische Burgund-Nacht. Gedanken wandern durch die Beifahrerscheibe hindurch.

Länderwechsel. Karrierewechsel. Auch wenn die heutigen Zeiten mehr denn je solche Wechsel ermöglichen, die persönliche Herausforderung des Umgangs mit der Ungewissheit bleibt unverändert.

„Diese Fragen können nur Sie selbst beantworten, das wird niemals jemand für Sie tun können. Ich kann Ihnen lediglich Orientierungshilfen anbieten.“ Mehr hatte ich auch gar nicht erwartet, dennoch war es gut die damals von meiner HSG Karriere-Beraterin gewählten Worte so zu hören.

In der lärmenden Wirrnis der heutigen Welt, wo Informationen und Meinungen zu praktisch allem und jenem abgerufen und eingeholt werden können, wo das enzyklopädische Wissen der Menschheit per Smartphone zugänglich ist, wird das Unvermögen eine sofortige Antwort zu finden zum Gesellen der Frustration. Veränderung kommt nun mal oft in Begleitung von ein paar Fragezeichen.

Wo soll ich hin? Was kann ich? Wie schaffe ich das? Was passiert wenn der neu eingeschlagene Weg doch nicht die gehegten Erwartungen erfüllt? Was, wenn ich bereue?

Im Laufe der Jahre werden einem ein paar Sachen klarer. Man beginnt die Dinge anders zu sehen und vielleicht können die unten aufgelisteten Punkte dem einen oder anderen behilflich sein. Allez.

Was mir als erstes einfällt ist die Wahrung der Fähigkeit zur Begeisterung. Sie muss stets beschützt werden. Die Neugierde für Neues, dieses „innere Kind“, muss bewahrt bleiben. Routine stumpft ab und macht müde (geistig und körperlich). Ein geregelter Ablauf in einigen Bereichen des Lebens ist sinnvoll solange diese Routine-Aufgaben nicht den kompletten Tagesverlauf erobern.

Wer sich in neue Gebiete wagt muss aber auch bereit sein einige Fehlstarts hinzunehmen. In den meisten Fällen funktioniert es nicht auf Anhieb. Experimentieren. Ausprobieren. Immer wieder. Fehler sind Erfahrungen. Lernkurven sind allgegenwärtig. Sich kontinuierlich verbessern. Frustrationen überwinden. Den Blick verstärkt auf den Prozess und nicht auf das zu erreichende Ziel richten. Während meiner Zeit an der Universität Stanford traf ich viele Studenten die bereits Erfahrungen in eigene Start-Up Unternehmungen gesammelt hatten. Zwar wurde die überwiegende Mehrheit dieser Unterfangen nicht vom erhofften Erfolg gekrönt, doch die gewonnenen Erkenntnisse waren äußert lehrreich. „Fail often and early“, („Scheitere oft und möglichst früh“) war und ist noch immer das Motto der dortigen Studenten. Einige kalifornische Investoren (denen man übrigens recht einfach auf dem Campus begegnen kann) sind sogar der Ansicht, dass „ein Unternehmer nur dann ein ganzheitlicher Unternehmer ist, wenn er mindestens ein Scheitern, eine Insolvenz, erlebt hat.“ Auf dem europäischen Kontinent herrscht viel mehr die Mentalität, scheitern sei etwas Irreparables und sogar beschämendes. Ist es nicht.

Wenn es um die Karriere geht, dann macht es durchaus Sinn ein paar Jahre in eine Laufbahn zu investieren um spezifische Fähigkeiten zu erlangen und dann einen Wechsel vorzunehmen. Auch das Erlernen von neuen Kompetenzen außerhalb der Arbeitszeiten, abends oder am Wochenende, ist eine Option. Andere bevorzugen es wiederrum eine längere Auszeit zu nehmen, beispielsweise mittels eines Sabbaticals, um sich komplett neuen Erfahrungen zu widmen, das Umfeld zu wechseln und die Möglichkeiten eines Neustarts auszuprobieren. Perspektiven wechseln. Neue Eindrücke gewinnen. Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten um Übergange in etwas Neues zu gestalten. Egal wie, der Ausgangspunkt ist und bleibt meist die Fähigkeit die nötigen Mittel für eine Neuausrichtung zu finden und auf dem Weg dorthin das nötige Maß an Motivation zu bewahren.

Immer wieder dem Leben neue Facetten hinzuzufügen und sich – bis zu einem gewissen Grad – neu zu erfinden, kann in Zeiten in denen Karrieren nicht mehr so linear im Voraus geplant werden können wie dies der Fall während vorheriger Generationen war, viel dazu beitragen, dass man die Veränderungen mitgestaltet statt diesen ausgesetzt zu sein. Heute noch gängige Tätigkeiten werden in Zukunft verschwinden. Die fortschreitende Automatisierung von Prozessen und Abläufen wird Arbeitsplätze abbauen und neue schaffen. Die Fähigkeit sich im Wandel der Strukturen immer wieder anzupassen bedingt einen gewissen Grad an Offenheit. Offenheit für Neues. Für Veränderungen. Ich bin zwar kein großer Eishockey-Fan, doch ich erinnere mich an ein Interview der Hockey-Legende Wayne Gretzky:

Gehe nicht dahin, wo der Puck ist. Gehe dahin wo der Puck sein wird.“

Irgendwo auf dem Weg dorthin wo der Puck sein würde, hat Gretzky sicherlich Bekanntschaft mit einigen bösen blauen Flecken, Knochenbrüchen und anderen Verletzungen gemacht. Eishockey ist ein Kontaktsport. Parallelen mit dem Leben sind daher durchaus angebracht. In der heutigen Zeit sind in vielen Teilen der Welt hohe Arbeitslosenraten gang und gebe. Arbeitsplätze werden ausgelagert, Karrierepläne müssen aufgrund von Branchenveränderungen, Gesundheitsgründen oder familiäre Umstände überdacht werden. Neuorientierungen werden aufgezwungen. Das Leben teilt Hiebe aus. In solchen Situationen das Beste aus sich holen zu können ist bereits der erste Schritt in eine neue Richtung.

Vor langer Zeit schrieb der französische Autor Alexandre Dumas im Grafen von Monte Cristo:

„Ich denke vor allem an die ungeheure Summe von Verstand, die Sie aufwenden mußten, um zu einem solchen Ziele zu gelangen. Was hätten Sie erst getan, wenn Sie frei gewesen wären!

Vielleicht nichts, diese Überfülle meines Gehirns wäre in Kleinlichkeiten verpufft. Es bedarf des Unglücks, um gewisse geheimnisvolle, im menschlichen Verstande verborgene Minen zu graben; es bedarf des Druckes, um das Pulver zum Ausbruch zu bringen. Die Gefangenschaft hat alle meine dahin und dorthin flatternden Geisteskräfte in einem einzigen Punkte vereinigt.“

Fast banal klingend, aber deshalb keineswegs unwichtiger, ist die Fähigkeit trotz äußerer Umstände selbstbewusst und positiv zu bleiben. Ein Gespräch, ein positives Auftreten kann manchmal ausreichen um eine bis dahin verborgene Tür zu öffnen.

“Ich habe nie ein wildes Tier gesehen, das Selbstmitleid empfand. Ein kleiner Vogel, der erfroren ist, wird tot von seinem Ast fallen, ohne jemals Selbstmitleid empfunden zu haben.” – D.H. Lawrence

Ein wildes Herz bewahren.

Bevor ich diesem Post nun ein Ende setze, noch ein letzter Gedanke. Es geht um Instinkte und Intuitionen und ich könnte es wohl nicht besser sagen als Steven Spielberg in seiner Rede an der Academy of Achievements:

„…die Stimme der Intuition ist besonders schwer zu hören. Nichts weiter als ein Geflüster. Kaum hörbar. Doch man sollte bereit sein, jeden Tag, zu jeder Tageszeit, diesem Geflüster zu lauschen. Und wenn man es hört und es etwas ist was einem das Herz erwärmt, etwas wovon man glaubt, es könne einen für den Rest des Lebens erfüllen, dann wird es das auch sein. Und wir alle werden von dem profitieren.“  

Der Intuition folgen.

Bildmaterial an einem frühen Sonntagmorgen auf den Dächern des Duomos in Mailand geschossen.

Die verwendete Kamera war – mal wieder – eine Canon 5D Mark III, dieses Mal mit dem Weitwinkelobjektiv Canon 16-35mm 4.0

Dieser Artikel ist ebenfalls in den Sprachen Französisch und Englisch erhältlich.

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