March 26th 2016

Von Dünen und Drachen

“Das Leben im Nahen Osten ist ganz anders als an anderen Orten.”
– Zaha Hadid

The Franco German

Nailia, die junge russische Reisekoordinatorin des Dubai Marriott Harbour Hotel, steht auf, schiebt ihren Stuhl zurück, entfernt sich von der Rezeption und begrüßt einen soeben herbeigetretenen Mann, gekleidet in einer weissen Kandura und einem karierten Ghutrah Kopftuch. Mustafa, der Wüstenführer, hat die Körpersprache eines Menschen, der die ausländische Kundschaft gewohnt ist und über die entwaffnende Macht eines Lächelns Bescheid weiß.

„Freut mich sehr Mustafa. Nailia hat mir erzählt Sie würden sich in der Regel ausschließlich um die VIP-Kundschaft kümmern. Ich fühle mich privilegiert.“

„Aber nein Sire“, sagt er lachend. „Ich bin es der sich geehrt fühlt Sie heute durch die Dünen fahren zu dürfen.“

Ich bedanke mich bei Nailia mit einem spasiba bolschoi für die schnelle Organisation des Ausflugs, woraufhin Sie mir mit einem amüsierten dosvidaniya entgegnet, und verlasse zusammen mit Mustafa die Hotellobby in Richtung des weißen Toyota Land Cruisers.

„Weshalb sind die Geländewagen von Toyota hier so dermaßen beliebt?“, frage ich nachdem mir im Laufe der letzten Tage immer wieder aufgefallen ist, daß japanische Wagen hier besonders oft zu sehen sind.

„Weil japanische Qualität erschwinglich ist und die Ersatzteile hier sehr einfach zu beschaffen sind. Diese Autos sind perfekt für die Wüste. Vor ein paar Jahren hatte ich einen Hummer, aber der war mir zu schwerfällig und die Ersatzteile für den H2 Hummer bekommt man hier nicht gerade schnell. Deutsche Autos sind natürlich auch eine gute Option für die Wüste, aber der Preis ist einfach zu hoch. Mit dem Land Cruiser hat man am meisten für sein Geld.“

Wir verlassen die Stadt und brettern auf der E66, einem scheinbar kurvenlosen Asphaltstrich, Richtung Dünen. Mustafa erzählt mir über das Leben in Dubai als er hier vor vierzehn Jahren, im Alter von vierzehn, gerade angekommen war. Damals war Dubai ganz anders. Die mittlerweile größte Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate entwickelte sich mit rasender Geschwindigkeit und trotz der Zunahme des Verkehrs, des Anstiegs der Immobilienpreise und der gleißenden Hitze, die sich zwischen Juni und Ende August über den gesamten Golf breitmacht, war Mustafas Entscheidung damals nach Dubai zu kommen seiner Ansicht nach genau richtig.

“Ich vermisse allerdings den Wechsel der Jahreszeiten, mit dem ich in Lahore groß geworden bin. Frühling, Sommer, Herbst, Winter: in Dubai gibt es das nicht. Hier gibt es die Wüste, die glitzernde Skyline, die Einkaufszentren und die Strände. Und wenn man das alles Tag für Tag, Jahr für Jahr, zu sehen bekommt, ja, dann kann es durchaus sein dass einem der saisonale Wechsel plötzlich fehlt.“

Wir passieren den Al Minhad Luftwaffenstützpunkt, welcher in den letzten Jahren immer wieder von verschiedenen Verbündeten der VAE für Einsätze in der Region genutzt wurde, entfernen uns von der Straße und begeben uns auf sandigem Untergrund. Mustafa hält den Wagen an, steigt aus und macht sich daran den Luftdruck in den Reifen zu reduzieren um eine breitere Lauffläche zu erzeugen und so die Traktion zu verbessern.

Was folgt, ist eine aufregende Fahrt durch die Dünen.

Desert safari Dubai
Dune bashing in the desert
Desert safari guide
Dune bashing in the desert
Dubai Margham desert
Dubai sand dunes
Dubai desert

Es ist keine Stunde vergangen seitdem wir dem Verkehr Dubais entkommen sind. Vom Lärm der Stadt ist nichts mehr zu hören. Nur noch die Stille der Wüste. “Ich kam hier mal mit meinem Vater”, sagt Mustafa. „Er verstand die Wüste nicht. Und er verstand nicht weshalb der Mensch, nachdem er über Jahrhunderte hinweg Orte wie diese gemieden hat, den Drang verspüre hierher zu kommen. Er ist der Meinung, Menschen hätten hier nichts verloren. Als das Sultanat Oman ein mächtiges Reich war wurden Verbrecher in genau diese Dünen geschickt. Ein hoffnungsloser Ort.“

Man erwartet nichts von der Wüste.

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind voller Gegensätze. Wolkenkratzer stehen den alten Häusern der Souks gegenüber. Fischerboote und aus Holz gefertigte Abras, welche im Dubai Creek hin und her fahren, kreuzen immer wieder die Bahnen der ein-und ausfahrenden Luxusyachten. Tradition gegen Moderne. Man vergisst leicht mit welch rasantem Tempo das moderne Zeitalter hier Einzug erhielt. Erdöl wurde in Abu-Dhabi, der Hauptstadt der VAE, erst 1958 gefunden. Ein paar Jahre später, 1966, wurden dann auch in Dubai die wertvollen Erdölvorkommen entdeckt, die bis heute gigantische Summen an Petrodollars einbrachten und die nötigen Finanzmittel für die Entwicklung der Region bereitstellten. Ein halbes Jahrhundert später vermischen sich Asiaten, Europäer, Amerikaner, Afrikaner und lokale Emirates in den Restaurants, Bars und Clubs Dubais.

Obwohl ich nur sehr wenig Zeit in Abu Dhabi verbrachte, so hinterließ die Hauptstadt der VAE bei mir den Eindruck eines deutlich ruhigeren, gemächlicheren Lebens als dies der Fall im pulsierenden Dubai ist. Abu Dhabi hat weniger Verkehr, ist merklich grüner und scheint aus einigen Fehlern der rasenden Entwicklung Dubais gelernt zu haben.

Und selbst von schöner europäischer Architektur verwöhnte Augen werden beim Gang durch den Innenhof der Sheikh-Zayed-Moschee oder der Hotellobby des Emirates Palace Hotel zugeben müssen: hier wurde in relativ kurzer Zeit etwas Einzigartiges geschaffen.

Das Leben im Nahen Osten ist anders als an anderen Orten, kann jedoch auch sehr viele Ähnlichkeiten aufweisen, je nachdem wie stark man dazu neigt Abstand von all dem zu halten und sein Umfeld ausschließlich auf die Expat-Community beschränkt. Viele Ausländer konzentrieren sich hier fast vollständig auf ihre Karriere und den finanziellen Erfolg, blenden dabei sämtliche der für sie unangenehmen Aspekte eines Lebens in den Emiraten aus und haben nur wenig Kontakt mit der lokalen Bevölkerung. In der Tat, das Leben in den VAE weist einige Besonderheiten auf, darunter Islamic Banking, die stark von dem abweichen können was man in der westlichen Welt gewohnt ist.

Andererseits war es hier, an diesem Ort, dass viele dieser Westler eine finanzielle Unabhängigkeit erreichten, die es ihnen ermöglichte einen neuen Weg außerhalb der Karrierepfade eines Großunternehmens zu beschreiten. In Zeiten andauernder wirtschaftlicher Anspannung in vielen Teilen der Welt, zu der sich auch noch politische Unruhen gesellen, bieten die Vereinigten Arabischen Emirate eine seltene Stabilität an. Dessen wird man sich im Rückflug nach Europa, während unten am Boden die Landschaften des Iraks vorbeizischen, erst recht bewusst.

Zudem gibt es nur sehr wenige Orte auf diesem Planeten an denen man nach einem langen Tag im Büro an Stränden wie den Kite Beach verweilen und das Gleiten der Kite-Surfer über den Gewässern des Persischen Golfs beobachten kann. Trotz einiger gewöhnungsbedürftiger Aspekte, der teilweise erschlagenden Hitze und des weit verbreiteten Konsumismus, sind die Vereinigten Arabischen Emirate ein Ort wie kein anderer.

إلى اللقاء (Ila al-liqā’).

Sunset Sheikh Zayed Grand Mosque
Sunset Sheikh Zayed Grand Mosque
Sheikh Zayed Grand Mosque Interior
Sheikh Zayed Grand Mosque Ceiling
Sheikh Zayed Grand Mosque interiors
Sheikh Zayed Grand Mosque
Dubai Kite Beach
Dubai Kite Beach
Main Hall Emirates Palace Hotel
Abu Dhabi Emirates Palace Hotel
Emirates Palace Hotel Beach

Sämtliches Bildmaterial mit einer Canon 5D Mark III und den Objektiven Canon 50mm 1.2 & Canon 16-35mm 4.0 erstellt.

Dieser Artikel ist ebenfalls in den Sprachen Französisch und Englisch erhältlich.

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